#8 Besuch in der Nähwerkstatt

Der Weg von Father Geralds Büro zur Näh­werkstatt ist nicht weit. Immer wieder schaut er dort hinein – und bekommt bei der Gelegenheit präsentiert, was gerade in Arbeit ist!

Besuch in der Nähwerkstatt

Nach einer kurzen Weihnachtspause ist dort das Ausbildungsprogramm wieder angelaufen.
Der Pfarrer berichtet uns von einem Besuch, bei dem er mit Einzelnen ins Gespräch kommt. Schneidermeisterin Ann Onumajuru (50) lobt ihre Schüler: Sie seien sehr gehorsam und im­mer lernbegierig. Sie hofft, dass einige von ihnen schon nach sechs Monaten einen gewis­sen Grad an Selbstständigkeit erreicht haben. Dann jedenfalls sollen sie in einer Zwischen­prüfung ihr Können zeigen.
Lilian Ohamara (19), links im Bild, ist zehn Jahre zur Schule gegangen und hat ihr SSCE-Certificate gemacht (Senior Secondary School Certificate Examination). Damit hätte sie nun eigentlich Zugang zu einem College oder einer Universität. Aber sie hat sich von klein auf ge­wünscht, in die Modebranche gehen zu können. Lilian hat noch drei Geschwister. Ihre Eltern sind nebenher für den Eigenbedarf als Farmer tätig. Sie ist sehr froh, ihre Ausbildung kosten­los zu bekommen.
Für Sylvia Chinasa (13), ganz rechts, ist diese Ausbildung überhaupt die einzige Chance. Ihre Eltern haben nicht das Geld gehabt, sie nach den ersten vier Jahren und dem Erreichen des Junior School Certificate weiter zur Schule zu schicken. Die Unterschiede sind hier sehr fein: Während Lilian von Mode spricht, will Sylvia einfach nähen können. Denn die Situation im Land allgemein und die wirtschaftliche Lage speziell seien sehr schwierig. Wörtlich sagt sie: „Ich sehe das JDPC Skill Acquisition Center als eine von Gott gegebene Möglichkeit für eine hoffnungsvolle Zukunft.“

Erfahrungen der ersten Wochen

Doch der Pfarrer erfährt auch, wo es im Moment noch klemmt. Nicht immer können alle Schüler zur Ausbildung kommen. Der Grund: Sie stammen aus allen Distrikten des Erzbistums. Dieses aber erstreckt sich über eine Fläche, die mehr als dreimal so groß ist wie das Stadtgebiet von Berlin. Man muss Busse benutzen, und diese kosten Geld.
Schnell reagiert er und errechnet mit den Lehrern, welche Summe pro Schüler nötig ist, um die Fahrt zu ermöglichen. Inzwischen hat man auch einen Erfahrungswert, wie viel Geld für die Verpflegung an den Schultagen gebraucht wird. Das Budget wird überarbeitet.
Bei einer Teambesprechung, die zu diesem Zweck stattfindet, zeigt sich: Auch das ursprünglich den Ausbildern zugedachte Gehalt war zu gering veranschlagt, der Aufwand ist für sie größer als ursprünglich gedacht. Außerdem braucht es noch eine Verwaltungskraft, wenigstens in Teilzeit, nachdem Father Gerald selbst zu viele andere Aufgaben zu bewältigen hat.
Das alles führt dazu, dass aus den Erfahrungen der ersten beiden Monate Anfang Februar ein verlässliches neues Budget erstellt wird.

Kulturell unterschiedliches Herangehen

Dabei zeigt sich, dass unsere Fragen nicht einfach übertragen werden können. So lässt sich scheinbar nicht so einfach beantworten, was man in einem Handwerk verdient.
Ein Flüchtling erklärt es uns: Angestellte Arbeit ist in Nigeria nicht üblich. Wenn man selbstständig etwa als Elektriker arbeitet, ist man froh, wenn man monatlich ca. 50.000 Naira erwirtschaftet. Das sind rund 120 Euro. Dafür kann man zwei Kinder in eine gute Schule schicken. Die meisten freilich haben mehr Kinder.
Immerhin haben wir jetzt ein gutes Gefühl da­bei, für jeden teilzeitbeschäftigten Schneider 35.000 Naira Gehalt angesetzt zu sehen. Im neuen Budget sind auch die Erfahrungswerte für die Wartung der Maschinen, das Öl für den Generator und Unterrichtsmaterialien berücksichtigt. Den Raum steuert die Kirche bei. Ob sie langfristig mehr zum Projekt beitragen kann, ist derzeit noch im Gespräch.

Nigeria kurz vor den Wahlen

Denn in diesen Tagen bestimmt ein anderes Thema alles andere in Nigeria: Seit Monaten ist die bevorstehende Wahl für Father Gerald eines der wichtigsten Gebiete seiner Arbeit. Er hat Interviews gegeben und Seminare abgehalten, um die Menschen zum Wählen zu ermutigen und den Verantwortlichen zu einer guten und fairen Politik zu raten.
Zwei alte Männer treten gegeneinander an in dem so jungen Land: etwa 60% der Bevölkerung sind unter 24 Jahren alt! Präsident Buhari (76), Kopf der APC (All Progressives Congress), kandidiert für eine zweite Amtszeit. Ihm gegenüber steht Atiku Abubakar (72) für die PDP (Peoples Democratic Party), die 2015 die Macht hatte abgeben müssen. Beide Kandidaten stammen aus dem muslimischen Norden.
Somit sieht es für den christlichen Süden sowieso schon schwierig aus. Zusätzlich niederschmetternd war es, dass in der letzten Januarwoche Präsident Buhari den obersten Richter des Landes – zuständig für Wahlanfechtungen! – entlassen hat. Nachbesetzt hat er den Posten mit einem Mann aus seiner Heimatregion.
In Deutschland hören und sehen wir wenig über die Stimmung in dem mit über 190 Mio. Menschen bevölkerungsreichsten Land Afrikas in diesen Tagen. Über BBC aber wird man gut informiert und sieht nahezu täglich die gewaltigen Volksaufläufe in den grün-weiß-blauen Kleidern mit dem aufgedruckten Portrait Buharis und in grün-weiß-rot für Atiku.
Am Dienstag sind bei einer Massenkundgebung der Buhari-Partei nicht weit von Owerri, in Port Harcourt, 15 Menschen überrannt und getötet worden. Ein Flüchtling hat von zuhause erfahren, was los war: Man hat den Leuten für ihre Stimme 10.000 Naira geboten. Sie sind hungrig. Darum reißen sie sich, dafür sterben sie.

Wir können Father Gerald und seinen Schützlingen in diesen Tagen nur alles Gute wünschen für eine möglichst gewaltfreie und faire Wahl.

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