#3 Besuch von Father Gerald in Mittenwald

Vorträge in Penzberg und Mittenwald

Seit Anfang Juli ist Father Gerald nochmals für vier Wochen in Mittenwald, als Vertretung in der Pfarrei „St. Peter und Paul“. Die Gelegenheit haben wir gerne genutzt für zwei Vortragsabende in Penzberg und Mittenwald.
Nach einigen grundlegenden Informationen über die Probleme in Nigeria – religiöse Konflikte, infrastrukturelle Mängel, korrupte Verwaltung, unterentwickelte Wirtschaft – stellte Father Gerald seine Heimatstadt Owerri vor. Um deren Lage mitten in Biafra in ihrer politischen Problematik zu zeigen, hatte er Longinus Amadi aus München gebeten, die fehlende Meinungs- und Demonstrationsfreiheit aus der Sicht der Organisation „Indigenous People of Biafra“ (IPOB) darzustellen: Mit schrecklichen Fotos zeigte dieser, wie Aufrufe für die Unabhängigkeit Biafras blutig unterdrückt werden. Auch über die Entführung des IPOB-Gründers Nnamdi Kanu vor wenigen Monaten sprach er.
„Und doch“, erklärte Father Gerald, „müssen wir mutig bleiben und können uns nicht leisten, unsere Jugendlichen zu verlieren. Wir müssen ihnen eine Perspektive aufzeigen.“ Das beginnt für jeden Einzelnen mit der Aussicht auf Erwerbstätigkeit und Einkommen. Zwar gehöre zu den Aufgaben seiner „Kommission für Gerechtigkeit, Entwicklung, Frieden und Caritas“, die Bedürftigen jede Woche mit Reis und Gemüse oder mit Kleidern und sonstigen Hilfsgütern zu versorgen. Aber eine Lösung auf Dauer sei das keinesfalls.

Pläne für eine Berufsschule

Die Erzdiözese von Owerri ist Eignerin von etwa 100 ha Land. Auf einem der Grundstücke, nicht weit entfernt von der großen St. Mulumba Catholic Church, gibt es einen großen Gebäudekomplex, den Father Gerald in Fotos zeigte. Verbunden durch Zwischentrakte handelt es sich um insgesamt vier Gebäude, jeweils zweistöckig, mit einer Nutzfläche von insgesamt knapp 5.000 qm. Das Areal könnte langfristig einer Berufsschule für bis zu 450 Schüler in bis zu sechs verschiedenen Ausbildungsgängen Platz bieten. Zunächst aber soll in Landwirtschaft, Automechanik und Schneiderei ausgebildet werden.
Ursprünglich war der Komplex vor dreißig Jahren als Krankenhaus geplant, ging als solches aber nie in Betrieb. Zwischenzeitlich wurden einzelne Trakte als Priesterseminar genutzt, heute sind einige Bereiche Obdachlosen überlassen. Das Dach ist marode, aber die Substanz scheint eine Sanierung zu lohnen. Hier bräuchte man ein Gutachten zu Statik, Strom- und Wasserversorgung, um den Aufwand für die Instandsetzung exakt kalkulieren zu können. Dies würde einen ersten Förderantrag erfordern.

Ein umfangreiches Projekt

Nach einem hoffentlich ermutigenden Gutachten stünde in einem zweiten Schritt die Ertüchtigung der ersten Hälfte des Gebäudekomplexes an, dies freilich mit Hoffnung auf eine schrittweise Gesamtsanierung. Hierfür bedürfte es eines zweiten Förderantrags.
Der Innenausbau zu Schulbereichen und Werkstätten würde in einem dritten Schritt die Empfehlung für ein Raumprogramm von deutscher Seite erfordern, insofern das Konzept „Berufsschule“ ein typisch deutsches ist. Hier stünde der dritte Förderantrag an.
Für die Einrichtung eines landwirtschaftlichen Modellbetriebs auf den umliegenden Freiflächen müsste ebenfalls Knowhow, etwa von deutschen Instituten für Tropische Landwirtschaft, eingeholt und für die Anlage ein vierter Antrag auf Förderung gestellt werden.
Für die Einrichtung der einzelnen Werkbereiche wäre an Partner aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft heranzutreten, die in Form von Patenschaften die Ausgaben im einzelnen übernehmen würden, dies der fünfte Förderantrag.
Um schließlich den Ausbildungsbetrieb auch in Gang zu bringen, wäre in Bezug auf sinnvolle Curricula und Abschlussbedingungen wieder der Rat von deutscher Seite gefragt. Lehrkräfte wären auf die Entfernung oder in Deutschland zu schulen. Das wäre dann der sechste Schritt.

Reaktionen des Publikums

Das Publikum zeigte sich von der Vision des Pfarrers sehr angetan und trat im Anschluss in kleinen Gesprächsrunden zusammen. Danach brachte man im Plenum in Form einer „Ideenbörse“ erste spontane Gedanken ein: Die Beteiligung deutscher Ausbildungsfirmen und Hochschulen, die Entsendung von Volunteers, aber auch die Schulung von Nigerianern in Deutschland, die bewusste Betreuung und Ermutigung von Frauen, die Frage nach anschließenden Arbeitsmöglichkeiten oder Erhalt von Mikrokrediten, die Klärung von Finanzierungswegen, die Notwendigkeit einer begleitenden Evaluierung, die Vernetzung mit deutscher Asylhilfe und Entwicklungsarbeit und viele Punkte mehr wurden an der Pinnwand gesammelt. All dies ist in den kommenden Wochen auszuwerten. Und: Für die Sendung weiterer Ideen an die Adresse unten ist der Freundeskreis dankbar!!!

Beginn mit einem kleinen Schritt

Wichtig war der Hinweis einer Zuhörerin, dass man bei aller großen Vision aber langsam Fuß vor Fuß setzen solle. Ein solcher Schritt kann es sein, örtliche Betriebe zu finden, die sich zusammentun, um in einer Art Vorprojekt eine mobile Fahrradwerkstatt in einem Container einzurichten und auf den Weg nach Nigeria zu schicken – damit die dort bereits angekommenen Räder auch gepflegt werden können.
Nachhaltigkeit ist ein wichtiger Faktor!
Ein erster solcher kleiner Schritt wurde an dem Abend in Penzberg getan, als die Organisatorinnen der Veranstaltung Father Gerald einen Gutschein für die Anschaffung der ersten drei Industrienähmaschinen übergaben. In Owerri wird es schon sehr schnell losgehen. Wir freuen uns, Ihnen davon bald berichten zu können.

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